Fernand Léger

Le Transport des Forces est une œuvre de Fernand Léger (1881-1955).

Kuratorin Katia Baudin machte es zur Eröffnung der Ausstellung Fernand Léger: Malerei im Raum deutlich: Der französische Kubist muss immer auch in Bezug zu Raum und Architektur gezeigt werden, schließlich besteht ein Großteil seines Werkes aus Kunst am Bau. Die Kölner Schau ist die erste Ausstellung, die Légers Wandbilder in den Fokus stellt, ausgehend von Les ploungers, welches seit 30 Jahren den Treppenaufgang des Museum Ludwig dominiert. 

Fernand Léger war ein vielseitiger Künstler. Neben der Malerei drehte er Filme, entwarf Bühnenbilder, Kostüme, Kirchenfenster und er schuf Wandgemälde für Privathäuser und öffentliche Gebäude wie die UN-Verwaltung in New York. Gleich zu Beginn der Ausstellung wird dem Besucher klar, dass hier die Chance auf eine visuell überwältigende Bildungsreise besteht, die nicht nur Léger zeigt, sondern auch historisch umfassend erzählt. Im 40. Jubiläumsjahr des Museumsbaus wirft die Ausstellung ein neues Licht auf Légers Œuvre und legt den Fokus auf die Wandgemälde und Wandmalereien des Künstlers.
Schon 2005 präsentierte das Museum Ludwig die Ausstellung Max Beckmann. Fernand Léger- Unerwartete Begegnung und setzte die beiden großen Figurenmaler des 20. Jahrhunderts in Kontext. Dabei wurde auf fantastische Weise der Blick auf überraschende Gemeinsamkeiten der Werke offenbart. Die Künstler sind sich dennoch nie persönlich begegnet. Augenfällig in beiden Œuvres sind ähnliche Bildlösungen, wie schwarze Konturlinien, in den Raum gestaffelte Kompositionen und die raumgreifende Körpergestaltung. Beide trugen sich offensichtlich mit gleichen Formenproblemen. Unübersehbar ist auch die Schwerelosigkeit des Bildpersonals, das taumelnd, schwebend, stürzend um einen nicht sichtbaren Mittelpunkt kreist. So entstehen Bildräume, die nichts mehr mit einem traditionellen, meist horizontal verlaufenden Bühnenraum gemeinsam haben.

Mit der aktuellen Ausstellung wird der Blick auf den gebauten Raum gelenkt und gezeigt wie sich der gelernte Architekturzeichner Léger höchst intensiv damit auseinandersetze. Auch die enge Verbindung zu Architekten wie Le Corbusier, wird erst mit dieser Ausstellung deutlich. Um seiner Leidenschaft, ortsgebundener, öffentlicher Wandmalerei nachgehen zu können, waren Kontakte zu Architekten unabdingbar. Malerei im Raum erkundet die Ergebnisse dieses Dialogs und verfolgt Légers Entwicklung von den frühen zwanziger Jahren bis zu seinem Tod 1955.

Fernand Léger – Ein genreübergreifender Visionär 

Der am 4. Februar 1881 in Argentan (Normandie) geborene Léger ist dank Irene und Peter Ludwig auch Kölner. Auf seinem Wandgemälde Les ploungers (Die Taucher) von 1942, das seit Eröffnung des Museumsneubaus 1986 das Treppenhaus ziert, tummeln sich somnambule, gliedmaßenlose Wesen. Das Wandgemälde war eigentlich für das Privathaus des New Yorker Architekten Wallace K. Harrison (1895-1981) konzipiert und gab den eigentlichen Ausschlag für die Ausrichtung der Ausstellung.

Die Großpräsentation lässt fasst nichts aus: Zu sehen ist eine faszinierende Sammlung von Projekten, die zeigen wie vielfältig Léger mit anderen Künstlern, Architekten und Designern zusammenarbeitete. Temporäre und permanente malerische Eingriffe bei Häusern, Wohnungen, Kirchen, Schiffen und bei Weltausstellungen, darunter auch Werke, die noch nie ihren Entstehungsort verlassen haben, werden ergänzt durch Gemälde, Skulpturen, Projektskizzen und Archivmaterial.

Angereichert werden die ausgeführten Arbeiten mit einer Auswahl von nicht realisierten Wandgemälden, Skizzen und Entwürfen, die durch Zeitdokumente kontextualisiert werden. Ebenfalls zu sehen sind grafische Arbeiten, Wandteppiche und Teppiche, Kostüm- und Bühnenbildentwürfe sowie experimentelle Filme.


Fernand Léger – Erste Liebe: Architektur

Von 1897 bis 1899 absolviert Léger eine Lehre bei einem Architekten in Caen. Er geht um 1900 nach Paris und arbeitete bei einem Architekturzeichner. Nachdem er seinen Militärdienst abgeleistet hatte, studierte er nach Ablehnung an der „École des Beaux-Arts“ sowohl an der „École des Arts décoratifs“ und der „Académie Julian“.

Zu Beginn seiner Karriere ist Léger besonders beeinflusst vom Impressionismus Paul Cézannes, dessen Ausstellung er 1907 besuchte und tief beeindruckt war. Cézanne zählt aus kunsthistorischer Sicht zu den Wegbereitern der Klassischen Moderne. Ab 1909 besitzt Léger ein Atelier in der Künstlerkolonie La Ruche in Paris und entwickelt dort seinen ganz eigenen kubistisch geprägten Stil. Er verwendet in seinen Arbeiten nun die einfachsten geometrischen Formen wie Zylinder, Kubus und Kegel.

Diese Entwicklung stellt er 1911 beim Salon des Independents unter Beweis und positioniert sich als bedeutender kubistischer Maler.

Exkurs Kubismus

Der Begriff Kubismus leitet sich vom lateinischen Wort „cubus“ (Würfel) ab. Primär behandelt der Kubismus die künstlerische Reduzierung eines Objektes auf geometrische Figuren wie Kegel, Pyramiden oder Kugel. Das Genre entsteht zwischen 1906 und 1908; zu den wichtigsten Vertretern gehören Pablo Picasso, Georges Braque und Juan Gris.

Im Jahre 1912 sind Fernand Légers Werke zum ersten Mal in der Galerie Kahnweiler zu sehen. Mit dem deutsch- französischen Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler (1884-1979) schließt er im darauf folgenden Jahr einen Vertrag. Der Galereist arbeitete lange Jahre mit Pablo Picasso zusammen und erlangte Bekanntheit, weil er mit vielen wichtigen Künstlern der Zeit Exklusiverträge geschlossen hatte. Darunter Georges Braque, André Derain und Maurice des Vlamick, später folgten Juan Gris, Henri Laurens und eben Fernand Léger. 1920 erschien Kahnweilers erstes kunsttheoretisches Buch Der Weg zum Kubismus, der das Denken über moderne Kunst entscheidend beeinflusste. Im selben Jahr lernt Léger seine zukünftige Frau Jeanne-Augustine Lohy kennen und bezieht sein Atelier auf dem Montparnasse.

Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1917, bei dem der Künstler nur knapp einem Senfgaseinsatz entkommt, betritt er 1918 die période mécanique – die mechanische Periode, in der er technische Gegenstände wie Schrauben oder Kurbelwellen malt. Diese Phase ist nicht zuletzt auch durch seine Kriegserfahrungen beeinflusst. Nach 1918 entsteht die legendäre Bilderreihe zur Welt der Großstadt.

Fernand Léger – Rot und Blau- „Farben so elementar wie ein Beefsteak“

Fernand Léger selbst reist erst im Jahr 1931 zum ersten Mal in die USA. Schon 1924 entsteht in Zusammenarbeit mit Dudley Murphy (1897 – 1968) und Man Ray (1890 – 1976) der Experimentalfilm Le ballet mécanique. Seine erste Einzelausstellung in New York folgt ein Jahr später.

Weitere kurze Aufenthalte folgen in den Jahren 1935 und 1938/39, während des letzten führt er die Wandgemälde in Nelson Rockefellers New Yorker Appartement aus. Doch nicht alle seine Utopien kann Léger umsetzen: So scheitert sein Plan, zur Pariser Weltausstellung 1937 die Stadt zu einer weißen Bühne zu machen. Nur die Straßen sollten aber in rot und blau erstrahlen, der Eiffelturm sollte „ganz Licht“ werden.

Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich im Frühjahr 1940, emigrierte der Künstler nach New York und lebt dort bis 1945. Er unterrichtet an der Yale University in New Haven und fertigt 1942 im Auftrag des Architekten Wallace K. Harrison das Wandbild Le plongeurs für dessen Haus auf Long Island an. Während dieser Jahre in den USA nimmt Léger an der Ausstellung Artists in Exile in der Pierre Matisse Gallery teil und zeigt eine Einzelausstellung in der Galerie Dominion im kanadischen Montreal. In dieser Zeit entstehen 57 Gemälde und 125 Arbeiten auf Papier.

„Die Farbe ist als Grundstoff für den Menschen ebenso unabdingbar wie Wasser und Feuer“.

Fernand Léger

In New York entwickelt Léger eine neuartige Methode zur Kolorierung seiner Bilder, die auf die bunten Scheinwerfer der Leuchtreklamen referieren. Aus diesem Beleuchtungseffekt erwuchs die malerische Konsequenz, die Léger einzigartig machte: Ohne Rücksicht auf das Sujet, begann er seine Bilder mit unregelmäßigen Farbflächen zu überziehen. Das heißt: Alle Gegenstände und Menschen waren nun nicht mehr an das naturgegebene Farbschema gebunden. Er postulierte: „Die Farbe hat eine Realität in sich selbst“. Dieses Prinzip eignet sich vor allem für Kunst am Bau, zu der sich Léger besonders hingezogen fühlte.

Fernand Léger – Auch am Ende bleibt die Liebe zum Bau

1945 verlässt der Künstler sein New Yorker Exil und kehrt nach Frankreich zurück. Er wird Mitglied der Kommunistischen Partei. In der Galerie Louis Carré zeigt er im darauffolgenden Jahr sein Œuvre d’Amerique 1940 – 1945, das mit dem Hauptwerk
Adieu New York wohl seinen Abschied von Amerika symbolisiert.

Immer wieder zeigt die Ausstellung auch die Fehlschlüsse Légers, zu nennen sei hier das ungebaute Studentendorf in Südfrankreich. Katia Baudin gelingt es dennoch immer wieder den Blick zurück auf die menschenfreundlichen Utopien des Künstlers zu lenken: Er gestaltete Mosaike und Glasfenster für die Kirchen in Assy und Audincourt. Seit 1949 beschäftigt er sich ebenfalls mit Keramikgestaltung. Nicht genug? Nein: Einen Teil seines Lebensunterhaltes verdient sich Léger mit dem Fälschen von Kunstwerken.

Fernand Léger stirbt am 17. August 1955 in Gif-sur-Yvette in seinem Atelier. Kurze Zeit zuvor ehrte ihn die Biennale in São Paolo mit dem Malerpreis. Posthum sind seine Werke auf der documenta I (1955), der documenta II (1959) und der documenta III (1964) in Kassel zu sehen. Erst im Jahre 2008 zeigt die Foundation Beyeler in Rien die Retrospektive Fernand Léger Paris – New York und präsentiert so einen Gesamtüberblick über Légers Schaffensjahre von 1912 bis 1955.

Excellent Escort meint:

Nutzen Sie die Chance und schauen Sie sich vom 9. April bis zum 3. Juli 2016 die erstaunliche Anzahl von Arbeiten eines der vielfältigsten und einflussreichsten Künstler der Moderne an. Katia Baudin und ihr Team haben in zweijähriger Vorarbeit  rund 170 Werke sowie umfangreiches Quellenmaterial mit bedeutenden Leihgaben aus wichtigen europäischen und amerikanischen Sammlungen zusammengetragen, die uns auch die weniger bekannten Facetten des Universalkünstlers Fernand Léger nahebringen.

Museum Ludwig | Heinrich-Böll-Platz | 50667 Köln
+49 221 22126165 | www.museum-ludwig.de

Das Kölner Museum Ludwig zeigt Danh Võ

Bis zum 25. Oktober 2015 zeigt das Kölner Museum Ludwig die Ausstellung „Ydob eht ni mraw si ti“ von Danh Võ. Der 1975 geborene und in Kopenhagen aufgewachsene Künstler mit vietnamesischen Wurzeln zeigt in der speziell für das Museum konzipierten Ausstellung sein Langzeitprojekt We The People. Võ baute dafür die New Yorker Freiheitsstatue im Maßstab 1:1 nach und nahm sie danach wieder auseinander. Dann verteilte er die 250 Einzelskulpturen über den gesamten Globus. Die Fragmente befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen. Das Museum Ludwig zeigt den bisher größten zusammengesetzten Teil: Eine sechs Meter hohe raumgreifende Kupferskulptur.
Nicht nur mit We The People erinnert Võ an unser kulturelles Selbstverständnis in der sich immer schneller verändernden Welt. In seinen Objekten, Fotografien, Installationen und Papierarbeiten verbindet er die Erfahrungen seiner Kindheit mit seiner Familienhistorie, deren Flucht nach Europa mit Fragen nach dem Kolonialismus, Migration und Identität. Aber auch Themen wie gleichgeschlechtliche Beziehungen und das Hinterfragen normierter Verhaltensweisen – sowohl in der Gesellschaft als auch im Kunstkontext – ziehen sich durch sein Œuvre.

In Museum Ludwig zeigt Võ neben der Kupferskulptur auch neue Arbeiten, die er mit von ihm ausgewählten Werken des amerikanischen Fotografen Peter Hujar in Korrespondenz setzt. Geht man jetzt aufmerksam durch die Kölner Innenstadt, fallen einem die Plakate der Ausstellung mit dem kryptischen Titel „Ydob eht ni mraw si ti“ sofort ins Auge. Der Betrachter ist recht schnell geneigt, zu glauben es handele sich um vietnamesische Vokabeln weil die Herkunft des Künstlers diese Annahme auch zulässt. Nach näherer Betrachtung wird jedoch klar: Es ist ein englischer Satz zu sehen, der sich von hinten nach vorne als „it is warm in the body“ lesen lässt. Filmliebhaber wissen, dass es sich hierbei um ein dämonisches Zitat aus dem Horrorfilm Der Exorzist handelt.

Neben der Schau in der Domstadt präsentiert sich Danh Võ zurzeit mit zwei Ausstellungen in Venedig: Er vertritt Dänemark auf der 56. Biennale und kuratierte die Ausstellung Slip of the Tongue in der Punta della Dogana. Große internationale Beachtung erzielte er außerdem mit Einzelausstellungen in der Kunsthalle Basel, in Kassel, Chicago, Bregenz und Paris sowie durch seine Teilnahme an den Biennalen in Berlin, Gwangju und Singapur.
Mit einer Excellent Escort Dame an Ihrer Seite, lassen Sie sich Museum Ludwig inspirieren und vertiefen danach die gewonnenen Eindrücke im herrlichen Café des Ausstellungshauses bei einem guten Glas Wein.

Seit dem 14. März ist im Kölner Museum Ludwig die Retrospektive Alibis des Künstlers Sigmar Polke zu sehen. Noch bis zum 5. Juli zeigt das Museum das umfassende Oeuvre des Künstlers, aus den Jahren 1963 bis 2010. Die Planungen für die internationale Schau, die vorher im MoMa in New York und der Tate Modern in London gezeigt wurde, waren bereits im Gange als Polke im Juni 2010 verstarb. Sigmar Polke zählt seit Beginn seines Schaffens in den sechziger Jahren, zu den zentralen Persönlichkeiten der deutschen Kunst und wird nun posthum in Köln geehrt.

Ganz klar ist: Diese Ausstellung müssen Sie gesehen haben! Möglicherweise nicht nur einmal. Dieser Artikel soll eine erste Annäherung an das Phänomen Sigmar Polke sein und ersetzt keinesfalls den Ausstellungsbesuch. Atmen Sie den Duft der großen weiten Kunstwelt und schmökern Sie weiter…hier geht’s lang…

Alibis, so haben die Kustoden die Werkschau genannt. Alibi… das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „anderswo“. Was bedeutet Alibi auf Polkes Leben und Schaffen bezogen? Polke, war ein Nonkonformist der sich gegen jede Festlegung von außen sperrte. Auf unglaublich eigensinnige Weise hinterfragt er die Grenzen künstlerischer Medien und schafft immer einen gesellschaftsrelevanten Bezug. Seine ästhetische Methode war die Unangepasstheit, die gleichzeitig sein Alibi ist.

Die Ausstellungseindrücke sind sehr dicht und das Chaos im Kopf muss langsam gelichtet werden. Eine kaum fassbare Fülle von Gegenständen, Material, Texturen, Film und Textfragmenten zieht am geistigen Auge vorüber.

Als erstes kommen einem die berühmten Rasterbilder in den Sinn. Für diese Bilder ist der Künstler auch bei Kunst-Laien bekannt. Wie entsteht ein solches Bild? Dieser Raster-Effekt, der sogenannte Moiré-Effekt (von frz. moirer, „moirieren;  marmorieren“) bezeichnet ein aus einem regelmäßigen, feineren Raster entstehendes scheinbar grobes Raster. Diese Technik ist Druckverfahren entlehnt. Nicht bei Polke! Er malt die gerasterten Bilder aus Zeitungsvorlagen aufwendig mit der Hand nach. Der handgemalte Punkt war sein Markenzeichen.

In den siebziger Jahren legte er dann nicht mehr selbst Hand an die Auflagearbeiten, sondert wendete sich dem Offset-Druck zu. Dabei interessierte ihn, im Sinne der Pop-Art der Gedanke ganze Editionen erschaffen zu können, deren Verbreitung und die Möglichkeit die originäre Autorschaft des Künstlers zu hinterfragen. Trotzdem variiert er weiterhin Motive und überarbeitet die Blätter nachträglich mit der Hand. Er ist eben Polke und nicht Warhol.

Die nonkonformistische Kartoffel
Dann ein Raum, gefüllt mit Zeitungsausschnitten, Bildern von Penissen und nackten Busen, vor denen am Eingang gewarnt wird: Die gezeigten Darstellungen entsprechen eventuell nicht ihren Moralvorstellungen! Nichts für schwache Gemüter, denkt sich der geneigte Besucher, um dann festzustellen, dass diese Bilder in wesentliche krasserer Ausprägung täglich durch die Medien kreisen. Dazwischen, montierte Fotos und Filme seiner Reisen nach Pakistan und Afghanistan im Jahre 1974, die zwar künstlerisch verfremdet, weil doppelbelichtet sind, aber dennoch wie Reportage-Fotografie wirken.

Dann das Haus aus Kartoffeln. Unwillkürlich lacht der Besucher über soviel Absurdität. Was soll das bedeuten, ein Haus aus Kartoffeln? Die Kartoffel ist, zumindest in Deutschland, als Inbegriff von Bürgerlichkeit zu verstehen und genau diese stellt Polke damit in Frage. Er verglich sogar sein Wesen, mit dem einer Kartoffelknolle: Emsig keimend und aus sich selbst heraus, einen Keim nach dem anderen hervortreibend. Der Mann hatte Humor. Sein Ziel war es, das bürgerliche Nachkriegsdeutschland zu vorzuführen. Er war der Beobachter der großen Verdrängung und Verleugnung, die in der Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und der Naziherrschaft einsetzte. Diese gesellschaftliche Bewegung griff Polke ironisch auf, und entwickelte parallel dazu neue künstlerische Verfahren.

Ein schlesischer Hofnarr im rheinischen Kunstbetrieb
Polke wird 1941 im niederschlesischen Oels geboren und flüchtet 1953 in den Westen. Zuerst lebte die Familie in West-Berlin, bald darauf zogen sie nach Willich bei Mönchengladbach. Vor seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, absolvierte Polke eine Glasmaler-Lehre in Düsseldorf-Kaiserwerth. 1961 nahm er sein Studium bei Gerhard Hoehme und Karl Otto Götz auf, welches er 1967 beendete. Von 1970 bist 1991 ist Polke zuerst Gastprofessor, später dann Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. 1978 siedelt er nach Köln über, wo er 2010 nach einem langen Krebsleiden verstirbt.

Der rheinische Schalk ist in seinen Werken stets präsent. Seine Kunst hat immer etwas Zügelloses, fast Dionysisches und ist ähnlich rauschhaft wie der rheinische Karneval. Polke ist der Hofnarr des deutschen, vielleicht sogar des internationalen Kunstschaffens. Hofnarren haben die Funktion, den Herrschenden die Wahrheit vor Augen zu führen. Mit „Moderne Kunst“ von 1968 gelang ihm das. Darauf variiert Polke Konstruktivismus und Action Painting und nicht zu vergessen, das Fragment eines Hakenkreuzes –  in Anspielung auf die jüngste deutsche Geschichte. Die Herrschenden sind hier die Moderne Kunst, ihre Macher und die deutsche Wohlstandsgesellschaft. Er kritisiert mit diesem Bild, wie sich Gestalter von Alltagsdekor der Formensprache der Moderne bedienen und deren avantgardistischer Charakter dadurch verloren geht.

„Huddel en détail“ von 1982, eine kleine Arbeit auf Papier macht Polkes ironisch-distanzierten Blick auf den Kunstmarkt noch deutlicher, wie Matthias Mühling im Katalog feststellt. Huddeln bedeutet im rheinischen Singsang: Hier wurde nicht sorgfältig, sondern hastig gearbeitet. Mühling sieht das als Synonym für Polkes ideologiekritische Haltung gegenüber dem Kunstbetrieb.

Falsche Hasen und echte Intensität
Mehrere Ebenen, Räume, Treppen, Emporen, Sichtachsen und 250 Arbeiten erwarten den Ausstellungsbesucher im Museum Ludwig und der ist von der Fülle schnell ein wenig erschlagen. Vielleicht ist es ratsam, sich Polke erst einmal im Schnelldurchlauf zu erarbeiten. Dann eine Pause im Museumscafé einzulegen und dank Tagesticket danach eine gezielte Befragung der einzelnen Werke anzustellen. Für Polke braucht es Zeit. Wandtexte, Audio-Guides, ein handliches Heftchen, der ausliegende Katalog und natürlich die Werke selbst laden dazu ein. Eines steht allerdings außer Frage. Ob man nun schnell durch die Ausstellung springt oder sich Zeit lässt: Polke berührt und Polke geht ganz tief. Noch Tage und Wochen später, flammen einzelne Werke wie das Zitat von Dürers berühmtem Hasen, der bei Polke aus Gummiband und Nägeln (1970) gemacht wurde, wieder hoch. Er zitiert und spottet gleichzeitig. Offensichtlich hat er dabei vor nichts und niemandem Respekt, auch vorm großen Dürer nicht. Die Komplexität des Polkeschen Gedankengebäudes in all seiner Vielschichtigkeit zu erfassen, ist die Herausforderung. Eine, die vielleicht immer nur fragmentarisch gelingt. Verstehe ich nicht, gibt es nicht! Hier wird assoziiert bis sich die Palmen biegen.

Palme im Quadrat
Womit wir beim Künstlermythos wären: Jeder große Künstler schafft sich seinen eigenen Mythos, da ist auch Sigmar Polke keine Ausnahme. Mit seinem selbstgeschaffenen Mythos, geht ein Hinterfragen des eigenen Selbstverständnisses als Künstler einher. Polke ist spirituell, ohne der Esoterik verfallen zu sein. Deutlich wird das, wenn ihm „höhere Wesen befehlen, schwarze Dreiecke in die obere rechte Ecke“ eines Bildes zu malen. Narrt er damit nicht erneut die Kunstwelt und führt ironisch die Ikone der Moderne, Malewitschs schwarzes Quadrat auf weißem Grund vor?

Dass der gerechte Mensch wächst wie ein Palmenbaum,

Verwunder ich mich nicht: nur dass er noch find’t Raum. 

– Angelus Silesius. Cherubinischer Wandersmann oder Geist-Reiche Sinn

Die Palme ist, das lässt sich mit Gewissheit sagen, das Motiv was Polke immer wieder darstellt und dem er mehrfach neue Sinnbezüge gibt.

Im Palmen-Bild von 1964 bemalte Polke einen gemusterten Stoff mit zwei grünen Palmen. Unter den scheinbar schwebenden Palmengewächsen erscheint ein regelmäßiger Musterrapport, der in der rechten unteren Ecke von einem Dreieck abgelöst wird.

Die geometrische Figur könnte eine Düne oder einen Sandstrand darstellen. So lassen sich die Palmen auch scheinbar in ein exotisches Gefilde verorten. Das senkrecht angelegte Muster im Hintergrund, lenkt nicht von der „exotischen Landschaft“ ab, sondern verstärkt den Eindruck. Es wirkt wie Dschungeldickicht.

Dieses Collageprinzip entlehnt Polke dem Dadaismus und dem Surrealismus: Er verschränkt zwei unterschiedliche Elemente miteinander, die ein Drittes und damit eine neue Bedeutung ergeben. Im Falle des Palmen-Bildes ist das der Traum der Nachkriegsgeneration von ferner Exotik. Wir haben es hierbei aber nicht mit der Darstellung eines reinen „Sehnsuchtsmotivs“ zu tun. Hier ist keine idyllische Urlaubslandschaft abgebildet, hier werden die Untiefen und Verstrickungen der „braunen“ Vergangenheit ausgelotet.

1963 gründete Polke, gemeinsam mit seinen Künstlerfreunden, Gerhard Richter, Manfred Kuttner und Konrad Lueg in Düsseldorf die Gruppe „Kapitalistischer Realismus“. Ihr Ziel war es, eigene Ausstellungen durchzuführen. Die Möglichkeit blieb ihnen wegen ideologiekritischer Züge, auch gegenüber etablierter Kunstrichtungen, verwehrt. Noch im Jahr der Gründung, zeigte die Gruppe ihre erste Ausstellung in einem Ladenlokal in der Kaiserstraße 31 A, welches sie von der Stadt Düsseldorf angemietet hatten.

„Wir zeigen erstmalig in Deutschland Bilder, für die die Begriffe wie Pop-Art, Junk Culture, imperalistischer oder Kapitalistischer Realismus, neue Gegenständlichkeit, Naturalismus, German Pop und einige ähnliche kennzeichnend sind.”

– Aus einem Brief von Gerhard Richter an die „Fox’ Tönende Wochenschau“, anlässlich der Ausstellung im Mai 1963

So sollte damit der Sozialistische Realismus des Ostens und der Informel im Westen, wenn schon nicht abgeschafft, so doch in Frage gestellt und unterwandert werden.

Die Typologie des Biederen
Viele Bilder der Ausstellung zeigen die Warenwelt der Nachkriegszeit. Zu sehen sind stilisierte Würste, Schokolade, Gebäck, Socken und Hemden – also alles „Lebensnotwendige“ ;-). Sie sind die Zeugnisse dieser neugeschaffenen kleinbürgerlichen Idylle. Polke führt uns diese durch geschickte Komposition von Mustern und Motiven vor Augen. In seinen Werken wird die Kleinkariertheit des Spießertums wirklich: Nierentische, deutsche Ordnung und Gartenzwerg.

Als Museumsbesucher besteht die Aufgabe darin, sich die Ästhetik der fünfziger Jahre bewusst zu machen und ein neues Verständnis für die „spießigen“ Dekors zu entwickeln. Oft werden diese heute als reine Retrolooks empfunden, dabei geht allerdings die Symbolik dahinter verloren. Polke ironisiert den deutschen Wohlstandsbürger und seine dekorverliebten Träume nach geordnetem Rapport.

Polkes giftiger Gemischtwarenladen
In den achtziger Jahren beginnt der Künstler, intensiver mit giftigen Pulvern, Farben und Pigmenten zu experimentieren. Die fünf Gouachen aus dem Zyklus „Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen“ verweist schön 1976 auf die giftigen Gemälde der achtziger Jahre. Dann schüttet er fluoreszierende und giftige Substanzen wie Zinksulfide und Cadmiumoxid auf Papier und Leinwand.

Die Ausstellung präsentiert erstmals alle, von ihm benutzten Medien und zeigt wie Polke diese höchst virtuos miteinander verschränkt. Er malt, zeichnet, filmt, fotografiert, musiziert, kopiert, collagiert, druckt und dokumentiert. Es ist die heute so gepriesene Intermedialität die Polke ins Jetzt befördert. Er passt sehr gut zur neuen Generation Mensch. Viele Medien, kurze Aufmerksamkeitsspanne und der unbedingte Wille zur Selbstdarstellung, auch wenn Polke letzteres verneinen würde. Er wollte kein Markenkünstler sein. Gerade wegen dieser von ihm geschaffenen Zurückhaltung, ist es dem medienscheuen Maler gelungen als der „Nichterkennbare“ in die Kunst-Analen einzugehen. Geglückt ist ihm das nicht immer. Polke ist Polke und Polke wird erkennbar bleiben.

Fünf Jahre nach Polkes Tod ist sein Werk, nach New York und London, jetzt auch an seinem Entstehungsort in Köln zu sehen. Der Kuratorin Barbara Engelbach ist eine historische Schau gelungen, die Polkes kühnes und umfangreiches Werk großartig aufgeschlüsselt präsentiert.

Excellent Escorts meint: Tickets kaufen, reingehen, anschauen, nachdenken und sich vielleicht denken, dass es alleine nicht so viel Spaß macht wie zu zweit. Natürlich sollte es eine Dame sein, die zumindest etwas Ahnung von der Materie hat. Das sind in der Tat nicht alle. Wer etwas weiß, wird gebucht…so ist das Spiel. Die, wie immer, ehrliche Beratung erfolgt gerne telefonisch.

Museum Ludwig | Heinrich-Böll-Platz | 50667 Köln |
www.museum-ludwig.de