„Shame“ aus dem Jahr 2011, von Regisseur Steve McQueen (nicht zu verwechseln mit dem Schauspieler), erzählt die Geschichte von Brandon, Mitte 30, attraktiv, erfolgreich, sexsüchtig. Verkörpert wird dieser von Michael Fassbender, der schon in McQueens Erstlingswerk „Hunger“ und seinem letztem Oscar-prämierten Film „12 Years a Slave“ die Hauptrolle spielte. Verkörpern ist hier ein besonders treffender Begriff, denn Fassbender ist überwiegend Körper, der auf andere Körper trifft. Die Körper sind makellos und haben eine fast schaufensterpuppenhafte Qualität.

Der Zuschauer erfährt wenig darüber, wo Brandon herkommt, was ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Im Film wird weniger gesprochen als gezeigt und der visuelle Anteil erzählt mehr über die Hauptfigur als der Dialog. Schöne Menschen wechseln sich ab mit anderen schönen Oberflächen: Das schicke Apartment, das moderne Büro, die edlen Bars – alle Räume teilen eine showroomartige Atmosphäre von Anonymität und Austauschbarkeit. Brandon bewegt sich selbst in seiner eigenen Wohnung wie ein Gast, er wirkt verloren zwischen den kantigen Designer-Möbeln. Die Bilder von ihm in weitläufigen Räumen lassen ihn aussehen, als sei er Darsteller in einem Theaterstück, das er nicht versteht, als sei er gezwungen worden, einen Part zu spielen, für den er sich nicht beworben hat.

McQueen war erfolgreicher Künstler, bevor er in das Regiefach wechselte. Sein Kunst-Hintergrund hat scheinbar eine besondere Sensibilität für Bilder geprägt, für Farben, Settings und die Stimmungen, die diese beim Betrachter erzeugen. Nichts ist dem Zufall überlassen. Die Ästhetik von „Shame“ ist ein großflächiges Gemälde aus dominierenden, kühlen Blau-Tönen, die sich hin und wieder mit einem wärmeren und gleichzeitig trotzdem künstlich wirkenden Gelb abwechselt. Gold schimmernd ist das Licht in den Bars, wie das Verkaufslicht in exklusiven Geschäften, in das Waren getaucht werden, um sie besonders verführerisch erscheinen zu lassen.

Kernkonflikt von „Shame“: Brandons exzentrische Schwester platzt in sein Leben 

Die wichtigste Nebenfigur des Films ist Sissy, die Schwester des Protagonisten. Sie erscheint ähnlich orientierungslos und unglücklich, ist aber extrovertierter in ihrem Leid. In einer der eindringlichsten Szenen singt sie den Klassiker „New York, New York“, eine melancholische, düstere Interpretation, in einer der warm leuchtenden Bars, im gold-glitzernden Kleid, und Brandon zeigt zum ersten Mal im Film eine klare Gefühlsregung: Eine Träne läuft ihm über das Gesicht. Was ihn rührt oder traurig stimmt, wird nicht klar aufgelöst, lässt sich nur im Subtext vermuten.

Sissys forderndes Verhalten zwingt den immer kontrolliert handelnden Brandon dazu, zumindest für einen kurzen Moment aus seiner harten Schale auszubrechen und führt so zum dramatischen Höhepunkt 

Brandon reiht sich ein in die Liga der großen Anti-Helden des neuen amerikanischen Kinos,  zugleich Verlierer und Gewinner einer hyperkapitalistisch geprägten Gesellschaft, die sich an einem schnellen, kaufbaren, scheinbar für alle und jederzeit verfügbarem Glück orientiert:

Wie „American Psychos“ exzessiv feiernder und mordender Patrick Bateman, „Fight Clubs“ namenloser, sich bis zur Bewusstlosigkeit prügelnder Protagonist –

Alle drei sind einsame Männer, die für sich auf unterschiedliche und doch vergleichbar extreme Weise die Selbstzerstörung als letzte Erlösung wählen.

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