Pirelli Kalender

© Pirelli

Das Geheimrezept – wenige gute Zutaten

Er ist nicht nur in aller Munde, sondern lässt das Wasser buchstäblich im Munde zusammenlaufen: Der Pirelli-Kalender, der heuer runden Geburtstag feiert und sich – schlanker Hand – eine gebundene Ausgabe und damit eine Zusammenfassung der schönsten Fotografien der letzten Jahrzehnte gönnt. 1964 zum ersten Mal von Pirelli in Auftrag gegeben und veröffentlicht, ist er aus der ästhetisch-hochwertigen Fotografie nicht mehr wegzudenken. Mit einem Wunder hat der sagenhafte Erfolg weniger zu tun, vielmehr hat man es mit einer Gleichung ohne Unbekannte zu tun, da es sich hierbei um eine Ansammlung des „Who is Who“ der internationalen Modelbranche, Jets-Sets und Künstlerszene handelt. Dieser Kalender ist von Anfang an dazu verdammt gewesen, Erfolg zu haben. Doch was macht ihn so besonders? Wenn Stars wie Sophia Loren, Model-Urgestein Cindy Crawford, die unzähmbare Naomi Campbell oder Schönheiten wie Gisèle Bündchen und Milla Jovovich blank ziehen, kommt das zusammen, was zusammen gehört: Ästhetik, Kunst, und Stil. Dinge, die Menschen mit Blick für das Schöne schon seit jeher in den Bann gezogen haben. Keine Schnörkel, kein großes Drumherum, sondern schlichtweg nackte Haut, schöne Gesichter, formvollendete Körper, nur wenige Accessoires. Immer ist ein gewisser Stolz in den Bildern zu erkennen. Die dargestellte Person ist keine Frau, sondern ein regelrechtes Weib, von denen es heute kaum mehr welche gibt. Als limitierter Pin-Up-Kalender genießt er daher Kult-Status mit Sex-Appeal, der nur wenigen Auserwählten zuteilwird.

Die Mischung macht’s
Es sind natürlich nicht nur die Objekte vor der Linse, die den Kalender zum absoluten Star ihrer Gattung gekürt haben, sondern vor allem die Macher hinter dem Objektiv, die nicht weniger bedeutend sind. So gaben sich renommierte Fotografen wie Terry Richardson, Mario Sorrenti, Mario Testino, Herb Ritts, Annie Leibovitz, Peter Lindbergh, Bruce Weber, Helmut Newton (zuletzt 2014) oder Steven Meisel nicht nur die Klinke in die Hand, sondern auch die Ehre, ihre Ideen und Kreativität mit einfließen zu lassen. Sie sind es, die das Auge für Situationen, Posen und natürlich für den Betrachter haben. Es ist dieses Gefühl für das, was jemand sehen möchte, welches allen getriebenen Perfektionisten eigen ist. Man weiß automatisch, was schön ist, was wie gesehen werden möchte und wie jemand irgendetwas bevorzugt. Das sind die sogenannten Punktlandungen, die mit viel Empathie, Können und Talent zu tun haben. Wenn das Leben der Beruf ist und der Beruf das Leben, geschieht dies, meines Erachtens, von ganz alleine.

Vom Kalender zum Buch – gelebte Metamorphose
Eine Sau kann gewiss nicht von jetzt auf gleich zum eleganten Reh werden, ein Kalender jedoch ganz gewiss zum Buch. Fünf Dekaden bieten nun auch reichlich Stoff, um einem Oeuvre das angemessene Format zu verleihen. Wo Papier doch so geduldig ist, wäre es wahrer Frevel, man fasste nicht alles gekonnt zusammen. Ganz hervorragend ist daher, dass sich der deutsche Verlag Taschen dieser Aufgabe annahm und den Bildband „Pirelli – The Cal- 50 years and more“ kunstvoll in Szene setzte. „Cal“ steht hier also für Calendar und nicht für einen legasthenischen „Anruf“, den Sie im Übrigen gerne zu den Ihnen bekannten Bürozeiten tätigen dürfen. Für alle, die ab und an gerne „Mäuschen“ spielen, ist er eine wahre Offenbarung, da er rar gesäte Einblicke in die Tabubezirke von Kunstkritikerin, Schriftstellern und natürlich internationalen Topmodels gewährt. Ein Makel, den ich leider erwähnen muss, ist die Darstellung des Plus-Size Models Candice Huffine, welches mich, wie soll ich sagen, derangierte. Kleidergröße 46, gehüllt in Latex zu sehen, hat meine Illusion der Perfektion dieses Kalenders, den ich schon als Teenager bewunderte, nachhaltig gestört. Es ist nicht das, was man sehen möchte und aus dem Träume erwachsen – über eine Vorbildfunktion, in der Form, dass man gerne ein Idol stilisieren möchte, braucht man erst gar nicht zu sprechen. Genauso wenig kann ich den Trend, Models mit Down-Syndrom über den Laufsteg zu schicken, nicht nachvollziehen, da es wenig mit Ästhetik zu tun hat. Die Message dahinter ist mir unerklärlich, der Wunsch nach zu immer ausgefalleneren Ideen, um gewollt aufzufallen, zu brachial. Ist es nicht das, womit man sich als Käuferin identifizieren möchte? Ein perfektes Kleid, getragen von einer optisch perfekten Person und die Vorstellung, dass man es besitzen könnte, um im Nachgang selbst damit über die Straßen zu flanieren, um bewundert zu werden? Zerstört. Seien wir nicht zu offen für neue Ideen – mein Appell an die Ästhetik. Doch nun zurück zum Thema…..

….Den zwei wichtigsten F’s – facts and figures
Die Auflage ist, wie könnte es anders sein, auf 1.000 Exemplare limitiert. Wenn man zuvor die September-Ausgabe („the September issue“ ist in der US-Vogue (Condé Nast Verlag) die teuerste, umfangreichste und meist gefürchtetste Ausgabe des gesamten Jahres) für ein Telefonbuch gehalten hat, dem sei vermittelt, dass der Pirelli-Band über fast ganze 600 Seiten Hochglanz mit stilvoller Erotik, schierer Eleganz und natürlich dem, wofür eine richtige Frau ihren Ehemann jederzeit unter Wert verkaufen würde, nämlich Mode, verfügt. Außerdem nicht nur über sämtliche Aufnahmen, die in diesen fünf Jahrzehnten angefertigt wurden, sondern auch unveröffentlichte Fotografien sowie Bilder eines unveröffentlichten Kalenders aus dem Jahre 1963. Bezüglich des Preises haben Sie die Qual der Wahl. So können Sie einen Bildband mit den Maßen 30×30 zum Preis von 49,99 EUR oder die größere Ausgabe mit 48×48 zu 1.500 EUR erwerben, die in Leinen gebunden daher kommt und in einer edlen Plexiglas-Hülle mitgeliefert wird. Die Luxus-Ausgabe war natürlich in Windeseile vergriffen und wenn Ihnen die deutsche Ausgabe nicht reicht, können Sie Ihrer Gattin den Band gerne auf Italienisch, Spanisch oder vielleicht sogar am besten auf Französisch „vorlesen“ – könnte ein solch hochkarätiger Bildband nicht das Entrée für einen wunderbaren, non-verbalen Abend werden?

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