Seit dem 14. März ist im Kölner Museum Ludwig die Retrospektive Alibis des Künstlers Sigmar Polke zu sehen. Noch bis zum 5. Juli zeigt das Museum das umfassende Oeuvre des Künstlers, aus den Jahren 1963 bis 2010. Die Planungen für die internationale Schau, die vorher im MoMa in New York und der Tate Modern in London gezeigt wurde, waren bereits im Gange als Polke im Juni 2010 verstarb. Sigmar Polke zählt seit Beginn seines Schaffens in den sechziger Jahren, zu den zentralen Persönlichkeiten der deutschen Kunst und wird nun posthum in Köln geehrt.

Ganz klar ist: Diese Ausstellung müssen Sie gesehen haben! Möglicherweise nicht nur einmal. Dieser Artikel soll eine erste Annäherung an das Phänomen Sigmar Polke sein und ersetzt keinesfalls den Ausstellungsbesuch. Atmen Sie den Duft der großen weiten Kunstwelt und schmökern Sie weiter…hier geht’s lang…

Alibis, so haben die Kustoden die Werkschau genannt. Alibi… das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „anderswo“. Was bedeutet Alibi auf Polkes Leben und Schaffen bezogen? Polke, war ein Nonkonformist der sich gegen jede Festlegung von außen sperrte. Auf unglaublich eigensinnige Weise hinterfragt er die Grenzen künstlerischer Medien und schafft immer einen gesellschaftsrelevanten Bezug. Seine ästhetische Methode war die Unangepasstheit, die gleichzeitig sein Alibi ist.

Die Ausstellungseindrücke sind sehr dicht und das Chaos im Kopf muss langsam gelichtet werden. Eine kaum fassbare Fülle von Gegenständen, Material, Texturen, Film und Textfragmenten zieht am geistigen Auge vorüber.

Als erstes kommen einem die berühmten Rasterbilder in den Sinn. Für diese Bilder ist der Künstler auch bei Kunst-Laien bekannt. Wie entsteht ein solches Bild? Dieser Raster-Effekt, der sogenannte Moiré-Effekt (von frz. moirer, „moirieren;  marmorieren“) bezeichnet ein aus einem regelmäßigen, feineren Raster entstehendes scheinbar grobes Raster. Diese Technik ist Druckverfahren entlehnt. Nicht bei Polke! Er malt die gerasterten Bilder aus Zeitungsvorlagen aufwendig mit der Hand nach. Der handgemalte Punkt war sein Markenzeichen.

In den siebziger Jahren legte er dann nicht mehr selbst Hand an die Auflagearbeiten, sondert wendete sich dem Offset-Druck zu. Dabei interessierte ihn, im Sinne der Pop-Art der Gedanke ganze Editionen erschaffen zu können, deren Verbreitung und die Möglichkeit die originäre Autorschaft des Künstlers zu hinterfragen. Trotzdem variiert er weiterhin Motive und überarbeitet die Blätter nachträglich mit der Hand. Er ist eben Polke und nicht Warhol.

Die nonkonformistische Kartoffel
Dann ein Raum, gefüllt mit Zeitungsausschnitten, Bildern von Penissen und nackten Busen, vor denen am Eingang gewarnt wird: Die gezeigten Darstellungen entsprechen eventuell nicht ihren Moralvorstellungen! Nichts für schwache Gemüter, denkt sich der geneigte Besucher, um dann festzustellen, dass diese Bilder in wesentliche krasserer Ausprägung täglich durch die Medien kreisen. Dazwischen, montierte Fotos und Filme seiner Reisen nach Pakistan und Afghanistan im Jahre 1974, die zwar künstlerisch verfremdet, weil doppelbelichtet sind, aber dennoch wie Reportage-Fotografie wirken.

Dann das Haus aus Kartoffeln. Unwillkürlich lacht der Besucher über soviel Absurdität. Was soll das bedeuten, ein Haus aus Kartoffeln? Die Kartoffel ist, zumindest in Deutschland, als Inbegriff von Bürgerlichkeit zu verstehen und genau diese stellt Polke damit in Frage. Er verglich sogar sein Wesen, mit dem einer Kartoffelknolle: Emsig keimend und aus sich selbst heraus, einen Keim nach dem anderen hervortreibend. Der Mann hatte Humor. Sein Ziel war es, das bürgerliche Nachkriegsdeutschland zu vorzuführen. Er war der Beobachter der großen Verdrängung und Verleugnung, die in der Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und der Naziherrschaft einsetzte. Diese gesellschaftliche Bewegung griff Polke ironisch auf, und entwickelte parallel dazu neue künstlerische Verfahren.

Ein schlesischer Hofnarr im rheinischen Kunstbetrieb
Polke wird 1941 im niederschlesischen Oels geboren und flüchtet 1953 in den Westen. Zuerst lebte die Familie in West-Berlin, bald darauf zogen sie nach Willich bei Mönchengladbach. Vor seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, absolvierte Polke eine Glasmaler-Lehre in Düsseldorf-Kaiserwerth. 1961 nahm er sein Studium bei Gerhard Hoehme und Karl Otto Götz auf, welches er 1967 beendete. Von 1970 bist 1991 ist Polke zuerst Gastprofessor, später dann Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. 1978 siedelt er nach Köln über, wo er 2010 nach einem langen Krebsleiden verstirbt.

Der rheinische Schalk ist in seinen Werken stets präsent. Seine Kunst hat immer etwas Zügelloses, fast Dionysisches und ist ähnlich rauschhaft wie der rheinische Karneval. Polke ist der Hofnarr des deutschen, vielleicht sogar des internationalen Kunstschaffens. Hofnarren haben die Funktion, den Herrschenden die Wahrheit vor Augen zu führen. Mit „Moderne Kunst“ von 1968 gelang ihm das. Darauf variiert Polke Konstruktivismus und Action Painting und nicht zu vergessen, das Fragment eines Hakenkreuzes –  in Anspielung auf die jüngste deutsche Geschichte. Die Herrschenden sind hier die Moderne Kunst, ihre Macher und die deutsche Wohlstandsgesellschaft. Er kritisiert mit diesem Bild, wie sich Gestalter von Alltagsdekor der Formensprache der Moderne bedienen und deren avantgardistischer Charakter dadurch verloren geht.

„Huddel en détail“ von 1982, eine kleine Arbeit auf Papier macht Polkes ironisch-distanzierten Blick auf den Kunstmarkt noch deutlicher, wie Matthias Mühling im Katalog feststellt. Huddeln bedeutet im rheinischen Singsang: Hier wurde nicht sorgfältig, sondern hastig gearbeitet. Mühling sieht das als Synonym für Polkes ideologiekritische Haltung gegenüber dem Kunstbetrieb.

Falsche Hasen und echte Intensität
Mehrere Ebenen, Räume, Treppen, Emporen, Sichtachsen und 250 Arbeiten erwarten den Ausstellungsbesucher im Museum Ludwig und der ist von der Fülle schnell ein wenig erschlagen. Vielleicht ist es ratsam, sich Polke erst einmal im Schnelldurchlauf zu erarbeiten. Dann eine Pause im Museumscafé einzulegen und dank Tagesticket danach eine gezielte Befragung der einzelnen Werke anzustellen. Für Polke braucht es Zeit. Wandtexte, Audio-Guides, ein handliches Heftchen, der ausliegende Katalog und natürlich die Werke selbst laden dazu ein. Eines steht allerdings außer Frage. Ob man nun schnell durch die Ausstellung springt oder sich Zeit lässt: Polke berührt und Polke geht ganz tief. Noch Tage und Wochen später, flammen einzelne Werke wie das Zitat von Dürers berühmtem Hasen, der bei Polke aus Gummiband und Nägeln (1970) gemacht wurde, wieder hoch. Er zitiert und spottet gleichzeitig. Offensichtlich hat er dabei vor nichts und niemandem Respekt, auch vorm großen Dürer nicht. Die Komplexität des Polkeschen Gedankengebäudes in all seiner Vielschichtigkeit zu erfassen, ist die Herausforderung. Eine, die vielleicht immer nur fragmentarisch gelingt. Verstehe ich nicht, gibt es nicht! Hier wird assoziiert bis sich die Palmen biegen.

Palme im Quadrat
Womit wir beim Künstlermythos wären: Jeder große Künstler schafft sich seinen eigenen Mythos, da ist auch Sigmar Polke keine Ausnahme. Mit seinem selbstgeschaffenen Mythos, geht ein Hinterfragen des eigenen Selbstverständnisses als Künstler einher. Polke ist spirituell, ohne der Esoterik verfallen zu sein. Deutlich wird das, wenn ihm „höhere Wesen befehlen, schwarze Dreiecke in die obere rechte Ecke“ eines Bildes zu malen. Narrt er damit nicht erneut die Kunstwelt und führt ironisch die Ikone der Moderne, Malewitschs schwarzes Quadrat auf weißem Grund vor?

Dass der gerechte Mensch wächst wie ein Palmenbaum,

Verwunder ich mich nicht: nur dass er noch find’t Raum. 

– Angelus Silesius. Cherubinischer Wandersmann oder Geist-Reiche Sinn

Die Palme ist, das lässt sich mit Gewissheit sagen, das Motiv was Polke immer wieder darstellt und dem er mehrfach neue Sinnbezüge gibt.

Im Palmen-Bild von 1964 bemalte Polke einen gemusterten Stoff mit zwei grünen Palmen. Unter den scheinbar schwebenden Palmengewächsen erscheint ein regelmäßiger Musterrapport, der in der rechten unteren Ecke von einem Dreieck abgelöst wird.

Die geometrische Figur könnte eine Düne oder einen Sandstrand darstellen. So lassen sich die Palmen auch scheinbar in ein exotisches Gefilde verorten. Das senkrecht angelegte Muster im Hintergrund, lenkt nicht von der „exotischen Landschaft“ ab, sondern verstärkt den Eindruck. Es wirkt wie Dschungeldickicht.

Dieses Collageprinzip entlehnt Polke dem Dadaismus und dem Surrealismus: Er verschränkt zwei unterschiedliche Elemente miteinander, die ein Drittes und damit eine neue Bedeutung ergeben. Im Falle des Palmen-Bildes ist das der Traum der Nachkriegsgeneration von ferner Exotik. Wir haben es hierbei aber nicht mit der Darstellung eines reinen „Sehnsuchtsmotivs“ zu tun. Hier ist keine idyllische Urlaubslandschaft abgebildet, hier werden die Untiefen und Verstrickungen der „braunen“ Vergangenheit ausgelotet.

1963 gründete Polke, gemeinsam mit seinen Künstlerfreunden, Gerhard Richter, Manfred Kuttner und Konrad Lueg in Düsseldorf die Gruppe „Kapitalistischer Realismus“. Ihr Ziel war es, eigene Ausstellungen durchzuführen. Die Möglichkeit blieb ihnen wegen ideologiekritischer Züge, auch gegenüber etablierter Kunstrichtungen, verwehrt. Noch im Jahr der Gründung, zeigte die Gruppe ihre erste Ausstellung in einem Ladenlokal in der Kaiserstraße 31 A, welches sie von der Stadt Düsseldorf angemietet hatten.

„Wir zeigen erstmalig in Deutschland Bilder, für die die Begriffe wie Pop-Art, Junk Culture, imperalistischer oder Kapitalistischer Realismus, neue Gegenständlichkeit, Naturalismus, German Pop und einige ähnliche kennzeichnend sind.”

– Aus einem Brief von Gerhard Richter an die „Fox’ Tönende Wochenschau“, anlässlich der Ausstellung im Mai 1963

So sollte damit der Sozialistische Realismus des Ostens und der Informel im Westen, wenn schon nicht abgeschafft, so doch in Frage gestellt und unterwandert werden.

Die Typologie des Biederen
Viele Bilder der Ausstellung zeigen die Warenwelt der Nachkriegszeit. Zu sehen sind stilisierte Würste, Schokolade, Gebäck, Socken und Hemden – also alles „Lebensnotwendige“ ;-). Sie sind die Zeugnisse dieser neugeschaffenen kleinbürgerlichen Idylle. Polke führt uns diese durch geschickte Komposition von Mustern und Motiven vor Augen. In seinen Werken wird die Kleinkariertheit des Spießertums wirklich: Nierentische, deutsche Ordnung und Gartenzwerg.

Als Museumsbesucher besteht die Aufgabe darin, sich die Ästhetik der fünfziger Jahre bewusst zu machen und ein neues Verständnis für die „spießigen“ Dekors zu entwickeln. Oft werden diese heute als reine Retrolooks empfunden, dabei geht allerdings die Symbolik dahinter verloren. Polke ironisiert den deutschen Wohlstandsbürger und seine dekorverliebten Träume nach geordnetem Rapport.

Polkes giftiger Gemischtwarenladen
In den achtziger Jahren beginnt der Künstler, intensiver mit giftigen Pulvern, Farben und Pigmenten zu experimentieren. Die fünf Gouachen aus dem Zyklus „Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen“ verweist schön 1976 auf die giftigen Gemälde der achtziger Jahre. Dann schüttet er fluoreszierende und giftige Substanzen wie Zinksulfide und Cadmiumoxid auf Papier und Leinwand.

Die Ausstellung präsentiert erstmals alle, von ihm benutzten Medien und zeigt wie Polke diese höchst virtuos miteinander verschränkt. Er malt, zeichnet, filmt, fotografiert, musiziert, kopiert, collagiert, druckt und dokumentiert. Es ist die heute so gepriesene Intermedialität die Polke ins Jetzt befördert. Er passt sehr gut zur neuen Generation Mensch. Viele Medien, kurze Aufmerksamkeitsspanne und der unbedingte Wille zur Selbstdarstellung, auch wenn Polke letzteres verneinen würde. Er wollte kein Markenkünstler sein. Gerade wegen dieser von ihm geschaffenen Zurückhaltung, ist es dem medienscheuen Maler gelungen als der „Nichterkennbare“ in die Kunst-Analen einzugehen. Geglückt ist ihm das nicht immer. Polke ist Polke und Polke wird erkennbar bleiben.

Fünf Jahre nach Polkes Tod ist sein Werk, nach New York und London, jetzt auch an seinem Entstehungsort in Köln zu sehen. Der Kuratorin Barbara Engelbach ist eine historische Schau gelungen, die Polkes kühnes und umfangreiches Werk großartig aufgeschlüsselt präsentiert.

Excellent Escorts meint: Tickets kaufen, reingehen, anschauen, nachdenken und sich vielleicht denken, dass es alleine nicht so viel Spaß macht wie zu zweit. Natürlich sollte es eine Dame sein, die zumindest etwas Ahnung von der Materie hat. Das sind in der Tat nicht alle. Wer etwas weiß, wird gebucht…so ist das Spiel. Die, wie immer, ehrliche Beratung erfolgt gerne telefonisch.

Museum Ludwig | Heinrich-Böll-Platz | 50667 Köln |
www.museum-ludwig.de

 

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