Günther Uecker inmitten eines Nagelfeldes. 


Günther Uecker im Nagelfeld. Foto: Lothar Wolleh


Seit sechs Jahrzehnten scheint der Künstler nicht still zu stehen und erobert sich immer wieder neue Betätigungsfelder. So verwundert es den kunstinteressierten Laien und wohl auch die Fachwelt ein wenig, dass Günther Uecker noch nie mit einer großen Einzelausstellung in seiner Wahlheimat Düsseldorf geehrt wurde. Geboren wurde Uecker 1930 im mecklenburgischen Wendorf und siedelte 1953 aus der damaligen DDR nach Düsseldorf über. Seine Schwester Rotraut ist ebenfalls Künstlerin und war mit dem französischen Maler, Bildhauer und Performancekünstler Yves Klein verheiratet (Mitbegründer und führender Vertreter der Nouveau Réalisme).

Zerstörung und Erneuerung 

Von 1949 bis 1953 studierte Uecker Malerei an der Akademie für bildende und angewandte Künste in Berlin-Weißensee. Prägend für den Künstler waren anfänglich die russischen Revolutionsmaler Kasimir Malewitsch und Wladyslaw Strzeminski sowieso die Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus. Die Faszination für Äcker lässt den Sohn eines Bauern nie ganz los und so zieht Uecker Parallelen zur Arbeit mit dem Nagel: Bei der Feldarbeit wird etwas zerstört und gleichzeitig etwas Neues geschaffen. Auch ein Nagel verletzt und verbindet Material in gleicher Weise.

Ab 1955 bis 1957 setzt er sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Otto Pankok fort. Er kehrt der gegenständlichen Malerei sowie dem Sozialistischen Realismus den Rücken zu und schafft erste Reliefbilder. Wie viele seiner Zeitgenossen suchte er einen Gegenpol zur gegenstandslosen Kunst der späten fünfziger Jahre. Er beschäftigt sich sehr intensiv mit dem japanischen Zen-Buddhismus und studierte den Koran. Ziel war es, geistigen Abstand von den manipulativen und repressiven Strukturen des DDR-Regimes zu bekommen. Es lässt sich festhalten: Ueckers künstlerisches Wirken, funktioniert nicht losgelöst von seiner Sicht auf das Leben.

Ueckers Wut-Nagel 

Nägel und Nagelstrukturen sind zu Ueckers Markenzeichen geworden, aber sie sind weit mehr als das. Für Uecker fungieren sie als „Symbol, Medium, Ritual und Fetisch“.

„Wo sich zwei Linien berühren, ist ein Punkt, dort schlage ich den Nagel ein… der Schatten des Nagels stellt eine neue Linie dar (…) die Bewegung des Schattens wird zur Wahrnehmung von Zeit“.

Der Legende nach sollte Uecker während seines Studiums einen Akt zeichnen, der ihm aber nicht gefiel. Aus Frustration schlug er einen Nagel in das Papier. So wird der Eisenstift Anfang der sechziger Jahre für Uecker bildprägend. Er steht für die Abkürzung von Linien und Punkt, von Dynamik und Statik.

1959 entsteht das monochrome Weiße Bild (Kaiser-Wilhelm-Museum, Krefeld) für das Uecker auch Korken und Rohre aus Pappe verwendet. Die Farbe Weiß ist für den Künstler mehr als nur Trägerfläche, sie ist von essentieller Bedeutung für die Wirkung von Ueckers Nagelwerken. Nur auf einer weißen Fläche werfen die Nägel Schatten und der Betrachter kann je nach Entfernung, Standort und Lichteinfall die zarte poetische Kraft der Werke spüren.

In den folgenden Jahren entstehen rotierende Nagelbilder mit kinetischen Effekten wie die Lichtscheiben (1961-68, Museum Quadrat, Bottrop). Durch die Bewegung werden die Grenzen zwischen Bild und Objekt aufgehoben. Flüchtige organische Strukturen werden durch die Schwingung von Licht und Farbe im Raum erzeugt. Die Werke haben keine mimetische Funktion, nichts bleibt davon übrig. Bis zu zehn Stunden arbeitet Uecker an einem Bild, in das nicht nur nicht nur seine Kraft fließt, sondern auch Gefühle wie Aggression und Freude. Das ist es, was den Menschen ausmacht und genau das will Uecker mit seinen Nagelbildern zeigen: Den Menschen gibt es nur im Gefühls-Doppelpack.

Keine Nullnummer- Günther Uecker und die Gruppe ZERO

Aus der Ausstellung „Das Rote Bild“ heraus initiierten die Künstler Heinz Mack und Otto Piene 1958 die Gruppe ZERO. Im Jahr 1961 stieß Günther Uecker dazu. Ein Rückgriff auf vormalige Kunsttradition war für die Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg moralisch und ethisch ausgeschlossen. Die deutsche Kunstszene musste sich neu formieren und dazu war ein Ansetzen am Nullpunkt absolut notwendig. Der Gruppe lag aber wenig an der historischen Aufarbeitung der Geschehnisse, sondern ihr erklärtes Ziel war eine reinere, hellere, fast schon hoffnungslos idealistische neue Welt.

„Zero als Titel war das Ergebnis monatelanger Suche, schließlich aber fast zufällig gefunden. Wir verstanden von Anfang an Zero als Namen für eine Zone des Schweigens und neuer Möglichkeiten, nicht als Ausdruck des Nihilismus oder einen Dada-ähnlichen Gag. Wir dachten an das [sic!] Countdown vor dem Raketenstart – Zero ist die unmeßbare Zone, in der ein alter Zustand in einen unbekannten neuen übergeht …“ (Otto Piene)

Diese Ideen schlugen sich auch in der Kunst wieder. Die Künstler verwendeten für ihre Arbeiten, inspiriert von der kinetischen Kunstbewegung, Licht, Technik und optische Illusionen. Farben und Formen wurden reduziert und es entstanden Klang- und Lichtperformances, die mit Licht, Schatten, Feuer und Bewegung experimentierten. Das Ergebnis war eine Mischform aus Bild und Skulptur in purer Ästhetik.

Besonders beeinflusst waren die ZERO Künstler von dem italienischen Avantgardekünstler Lucio Fontana, aber auch die monochromen Bilder von Ueckers Schwager Yves Klein (vielen sagt das berühmte „Blau“, das einen schlichtweg fasziniert, vermutlich mehr) und die von Konzeptkünstler Piero Manzoni beeinflussten ihr Schaffen. Fontana berühmt gewordenes Manifest Bianco aus dem Jahre 1946 fordert eine „dynamische Kunst, bei der Klang, Licht und Bewegung mit einer räumlichen und farblichen Gestaltung in Verbindung gebracht werden sollten“. Der Schweizer Maler und Hauptvertreter der kinetischen Kunst Jean Tinguelys inspirierte die Künstlergruppe mit seinen Maschinen, „der die malerische Geste durch die mechanischen Bewegung ersetzt hatte“. Diese Ansätze entsprachen den Ideen der ZERO-Künstler.

Die konkrete Abstraktion eines Piet Mondrian oder Kasimir Malewitsch führte die Gruppe schließlich zur Op-Art und Weiterentwicklung der kinetischen Kunst. ZERO erfand eine neuartige Form der dynamischen Lichtkunst. Ihrem Wesen nach pur und rein, in Farbe und mit bewegter Lichtschwingung im Raum. Heinz Mack schuf dynamische Lichtstelen, Otto Pienes bekanntestes Werk ist das Lichtballett aus leuchtenden Ballons und Günther Uecker präsentierte seine weißen Nagelreliefs. Alle Werke hatten eines gemein: Das Licht als zentrales Arbeitsmittel.

Nach fünf Jahren intensiver Arbeit löste sich die Gruppe 1966, nach einer letzten Ausstellung in Bonn auf. Die künstlerischen und privaten Wege der Mitglieder hatten sich auseinander entwickelt.

Terror trifft Tradition

Anfang der siebziger Jahre werden Ueckers Arbeiten gesellschaftskritischer. Ihn prägen Kunstrichtungen wie Land-Art, Body-Art, Concept-Art aber auch Fluxus-Aktionen. Zusammen mit Gerhard Richter veranstaltete er sogenannte Kunst- Demonstrationen wie Museen können bewohnbare Orte sein (1968) in der Kunsthalle Baden-Baden. Dort versammelte er ein „Terrororchester“ aus Staubsauger, Wäschetrommeln, Hammer und Sichel. Es dröhnt, blitzt, donnert und kracht, es stinkt nach Schwefel und Uecker treibt dazwischen sein Unwesen. Die Besucher stolpern über Leitungen und Drähte und schreiten über Nägel. Zu Jazzklängen blitzen Irrlichter durch die Dunkelheit. Die Präsentation war für das traditionelle Baden-Baden radikal. Uecker Konzept war offen als eine Art Fundus angelegt. Für Aktionen nimmt er bestimmte Objekte heraus, kombiniert sie mit anderen Kunstwerken und verändert sie mitunter auch, um sie der jeweiligen Situation anzupassen.

Anfang der siebziger Jahre geht Uecker unter die Publizisten und gibt bis 1982 die „Uecker Zeitung“ heraus. Darin formuliert der Künstler seine Ideen und informiert über seine künstlerischen Aktivitäten.

Professor Uecker inszeniert auf dem Grünen Hügel

Im deutschen Pavillon der Biennale in Venedig zeigt Uecker 1970 seine Arbeiten der letzten zehn Jahre. Erneut erweitert er seine Ausdrucksmöglichkeiten, es kommen Gegenstände wie Holzpfähle, Bindfaden-und Schnurobjekte hinzu. Die Materialien werden nun mit Lappen verbunden. Vorher war es das Ansinnen des Künstlers, die verletzten Oberflächen eines festen Gegenstandes zu zeigen, im Sinne eines ritualisierten Aktionsträgers.

Außerdem übernimmt Uecker in Bayreuth die Ausstattung verschiedener Wagner- Inszenierungen, zum Beispiel „Lohengrin“ (1979. Für den Grünen Hügel schafft er eine „Wasser-Segel­ Skulptur“, dessen Floß aus 24 Eisenfässern, mit Segeltuch bespannt bestand und nur vom Wind angetrieben funktioniert.

Uecker wird im Jahre 1974 eine besondere Ehre zuteil, er erhält einen Ruf an die Kunstakademie Düsseldorf, die Professur hat er bis 1995 inne. Als Nachhall auf die Minimal Art und als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 entstanden die körpergroßen „Aschenbilder“ des Tschernobyl-Zyklus. Sie werfen die Frage auf, ob aus Asche neues Leben entstehen kann und verweisen in ihrer Bildsprache auf die Möglichkeit der Wiederherstellung.

„Wo die Sprache versagt, da beginnt das Bild.“

Dieser berühmt gewordene Satz Ueckers verweist auf das komplexe künstlerische Werk des erfindungsreichen Künstlers und auf die Ausrichtung der Düsseldorfer Präsentation. Sie versucht durch eine kompakte Auswahl an Arbeiten Günther Ueckers Œuvre zu erfassen. Wir sehen Werke eines poetischen Aktionisten, der mit nicht endend wollender Energie politische- und gesellschaftliche Ereignisse kritisch aufzeigt. Die Preise für die Werke Ueckers sind in den vergangenen Jahren im Zuge der Wiederentdeckung der Künstler-Gruppe ZERO auf dem internationalen Kunstmarkt in Millionenhöhe gestiegen. Excellent Escorts meint: Kaufen ;-).

Die Ausstellung ist noch bis zum 10. Mai 2015 im K20 Grabbeplatz in Düsseldorf zu sehen.

 

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