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….das würde „Kraftwerk“ wohl heute über sie singen. Bettina, ein Fotomodell, das bereits in den 50er Jahren für ordentlich Furore sorgte. Das klingt Ihnen nicht französisch genug? Kein Problem, das lässt sich ändern, denn mit bürgerlichem Namen hieß sie Simone Micheline Bodin, die 1925 in der Bretagne geboren wurde. Kein geringerer als Hubert de Givenchy benannte seine erste Kollektion gleich nach ihr. Lange bevor die Ära der Supermodels wie Christy Turlington, Linda Evangelista, Naomi Campbell oder Cindy Crawford begann, machte Bettina die Pariser Laufstege zu ihrem Wohnzimmer und begeisterte die Modelwelt und natürlich auch die Society. Sie stand für den modernen „New Look“ – ein Look, der Frische, Natürlichkeit, Weiblichkeit und Eleganz ausstrahlte. Ein Look, den alle nach den schweren Tagen des Zweiten Weltkrieges brauchten und nach dem sich jedermann sehnte. Kein Wunder also, dass sie in rasanter Zeit zur Stilikone avancierte und sich nicht nur als Modell bei Modeschöpfer Jaques Fath einen Namen machte, sondern auch die Sinne des Designers Hubert de Givenchy beflügelte. Noch heute ist sie in aller Munde, ganz Paris spricht noch immer von ihr. Wundert es einen da, dass heutige Berühmtheiten wie Azzedine AlaÏa die besten Werke aus ihrer Zeit in dessen Galerie, die er im Marais-Viertel führt, mit ihr bestückt hat? Nicht wirklich, denn zeitlose Eleganz und Klassik sind noch immer das, was uns alle bis heute immer wieder in den Bann zieht und am Leben hält. Heute ist sie 89 Jahre alt und blickt auf eine phantastische Karriere zurück. Reißt man sich heute darum, von Fotografen wie Patrick Demarchelier, Mario Testino, Annie Leibovitz oder Peter Lindbergh abgelichtet zu werden, so stand „Bettina“ für die damals bekanntesten Fotografen vor der Linse. Zu erwähnen wären hier zum Beispiel Größen wie Henri Cartier-Bresson, Erwin Blumenfeld oder Irving Penn.

Aus Simone wurde Bettina
Die Wandlung von „Simone“ zu „Bettina“ ist leicht zu erklären. Das funktioniert bisweilen ein wenig wie im Escortwesen. Man schaut sich jemanden an und sagt: „Du siehst aus wie jemand, der evtl. Claudelle heißen könnte und in rasant schneller Zeit wird man “umgetauft”. So geschah es auch mit „Bettina“, die 1947 zum ersten Mal das Couture-Atelier ihres Förderers Jaques Fath in der Avenue Pierre Ier de Serbie betrat und meinte: „Eine Simone haben wir bereits, wir nennen Dich Bettina!“ Gesagt, getan. Ihren späteren Nachnamen „Graziani“ behielt sie, trotz des Umstandes der sehr kurzen Ehe mit dem Fotojournalisten Benno Graziani. Fath erkannte das Potenzial und machte sie zu einer Ikone der Nachkriegszeit. Vier Jahre lang bleibt sie dessen Muse. Sie stand für das „moderne Paris“, die Avantgarde und die Eleganz – all die Attribute, nach denen man damals wie heute lechzt.

Von Null auf Hundert – Ihre Karriere im Schnelldurchlauf
Nicht nur alle Modedesigner engagierten sie am laufenden Band für ihre Schauen, nein, auch alle Fashion-Magazine wie die „Elle“ oder die „Vogue“ waren ganz hingerissen von Frankreichs Schönster. Bald war sie „ la Française la plus photographiée de France ” – die meistfotografierte Frau Frankreichs, so die Paris-Match. Sie lief für Dior, Grès und auch Balmain (eine Marke, die langsam wieder aufersteht). Bereits im Alter von 22 Jahren verdiente sie die überirdische Summe von über 7.000 Francs in der Stunde. Schnell avancierte sie zum Trendsetter und setzte mit ihrer neuen Kurzhaarfrisur, die ihren hellen Teint umrahmte, einen neuen Trend. Frech wie sie war, schnitt sie ihren Chignon einfach ab und erfand sich neu. Der Haarschnitt, gepaart mit schwarzem Lippenstift, war das Stadtgespräch in den französischen Salons der besseren Gesellschaft und fand zahlreiche Anhängerinnen, die sie unbedingt kopieren wollten. Die Kopie kann natürlich nie das Original werden, aber immerhin hat es die Frauen dazu bewegt, sich konsequenter mit ihrer Optik zu beschäftigen.

„Das Chamäleon“
Ursprünglich war Bettina nichts anderes als ein nettes Mädchen vom Lande, das mit 18 Jahren aus der Bretagne kam, um in Paris Modedesignerin zu werden. Starke Parallelen zu Coco Chanel sind daher durchaus erkennbar. Ihre Entwürfe und Zeichnungen kamen jedoch nur mäßig an und so wurde sie zunächst für die Fotografie entdeckt. Jacques Costes gefiel ihr Gesicht so sehr, dass er sie für eine Kampagne seines Modehauses engagierte. Es waren vor allem ihre Natürlichkeit und ihre unbedarfte Ausstrahlung sowie ihr bahnbrechender Charme, der die Pariser Modewelt in ihren Bann zog. Dass sie außerdem diszipliniert und tüchtig war, war ihrer Karriere sehr dienlich, aber nichts anderes als eine Folge ihres Charakters.

Der Unterschied macht’s
Wie so oft fragt sich die halbe Welt, warum die einen Erfolg haben und die anderen nicht? Diese Frage lässt sich ad hoc nicht beantworten. Ich für meinen Teil kann nur sagen: Man hat das gewisse Etwas oder nicht. Und genauso verhielt es sich mit Bettina. Ihr ging alles wahnsinnig leicht von der Hand, die Posen lagen ihr schlichtweg im Blut. Sie wusste immer, welcher Fotograf was genau von ihr wollte und versetzte sich sofort in die gewünschte Stimmung, ohne, dass man ihr Anweisungen geben musste. Resultierend aus einer Selbstverständlichkeit für ihren Körper und die Eleganz, ergab sich die Situation der Alleinstellung als Modell in Paris – die Konkurrenz war nicht mehr als ein Statist. Anmutig und so gar nicht gekünstelt, setzte sie Meilensteine. Dabei ist sie es, die bis heute steif und fest behauptet, sie hätte alles nur ihrer Ausdrucksstärke und weniger ihrem Gesicht zu verdanken. Vielleicht war es beides. Wandlungsfähig wie sie war, nannte man sie in der Fashionwelt nur noch „das Chamäleon“. Ziehen wir Parallele zum Escortwesen, müsste ein perfektes Escort genau das verkörpern, aber dazu sind viele einfach nicht im Stande. Nicht, dass sie es nicht wollen – sie können es einfach nicht, weil es noch nie in ihnen gesteckt hat.

J’adore Dior
Wer ist eigentlich Dior? Diese Frage durfte man sich in den 50er Jahren durchaus stellen, heute wäre sie gewiss eine Frechheit. Damals jedoch war er nicht mehr als ein unbeschriebenes Blatt und erst im Begriff, eine Karriere zu beginnen. Sie begegneten sich auf dem Weg zu einem Termin, der bei Lucien Lelong, einem frz. Coutourier, stattfinden sollte. Dior, damals recht mollig, näherte sich ihr schüchtern und verlegen und bot ihr an, falls Lelong sich gegen sie entscheiden würde, er doch sehr gerne mit ihr zusammenarbeiten würde, zumal er bald sein eigenes Coutoure-Atelier besitzen würde. Ihr Talent würde ihn faszinieren. „Leider“ fiel die Wahl Lelongs genau auf sie und so wurde sie, wen wundert‘s, vom Fleck weg engagiert. Wenig später schwebte sie bereits in Roben von Lanvin, Balenciaga und bald auch für Dior über die Laufstege dieser Welt. Für „ein Mädchen vom Lande“ ist damit ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Für Dior ganz bestimmt auch.

Das Kapitel „de Givenchy“
So wie sie Fath und Dior begeisterte, erkannte auch bald der junge Hubert de Givenchy ihr außergewöhnliches Talent und machte sie zum Aushängeschild des Modehauses, indem sie nicht nur für ihn lief, sondern auch Namensgeberin für dessen erste Kollektion war. Sämtliche Frauen waren verrückt nach der „Bettina Bluse“, die nicht schnell genug nachproduziert werden konnte. Bettina beflügelte alles und jeden – kein Wunder, war sie doch mit Leichtigkeit, Fröhlichkeit und dem gewissen Etwas gesegnet. Aber bevor ich nun anfange, einen neuen „Damen-Steckbrief“ zu schreiben, erwähne ich, dass sie, während sie Verhandlungen mit der US-Vogue hatte, in die berühmte Modellagentur von Eileen Ford eintrat und zwei Jahre lang sogar die Pressesprecherin bei Givenchy war. Sie organisierte u.a. dessen erstes Défilé im Jahre 1952. Bald darauf ließ sie sich scheiden und beschloss, sich nur auf sich zu konzentrieren und das Leben zu genießen.

Stilikone und Herzensbrecherin des Jet-Sets
Es waren folgende Worte, die man anfangs für sie bei Givenchy fand: „Bien sûr, c’était Bettina qui symbolisait peut-être le plus le style de la maison à ses débuts. Elle a été une précieuse collaboratrice, surtout au moment du lancement de la maison, et un fabuleux mannequin, qu’elle était déjà avant de venir chez moi. Elle était différente des autres par son style, et incarnait une image très forte de ces années là ! » Kurzum, eine Frau, die den Stil des Modehauses gerade zu Beginn enorm geprägt hat, durch eine fabelhafte Zusammenarbeit brillierte, ein ausgezeichnetes Fotomodell war und sich durch ihren Stil gravierend von allen anderen unterschieden hat sowie jahrelang prägend war. Wie bereits bereits erwähnt, scharrten sich alle berühmten Fotografen der damaligen Zeit, wie z.B. Henry Clarke, Louise Dahl-Wolfe oder Chrarbonnier um sie, der eine grandiose Aufnahme von ihr schuf : Bettina auf der Place de la Vendôme in ein Schaufenster von « Van Cleef & Arpels » blickend. Später gab es auch Modefotografien, die sie mit vielen Hunden an der Leine, Mode vorführend, zeigten. Aufnahmen, die im Nachgang sehr oft kopiert wurden. Urplötzlich jedoch verschwand sie von allen Covern der Fashion-Magazinen, um fortan die Lebensgefährtin von Prinz Aly Khan zu werden. Dieser war vormals mit Rita Hayworth verheiratet und liess sich von ihr scheiden. Mit ihm lebte sie einige Jahre sehr glücklich und zufrieden – ohne Trauschein. Vielleicht ist genau das die Lösung für eine gut funktionierende Beziehung. Ich bin große Anhängerin dieser Idee, was wohl niemanden ernsthaft wundern dürfte.

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