Kussmund_2Man spürt eine Hand am Haaransatz im Nacken und dann…ist alles ganz anders. Wie auf einem fremden Gefühlsplaneten. Und das Raumschiff, das einen in diese neuen emotionalen Galaxien befördert, ist nur: ein Kuss. Bei manchen ist es lange her, andere praktizieren ihn täglich. Fakt aber ist, dass der Kuss an sich nicht zu unterschätzen ist. Mit dem Kuss ist es nämlich wie folgt: er geht ganz leicht. Man muss sich dafür nicht aus- oder umziehen. Man muss dazu weder besonders geistreich noch sportiv sein. Der Kuss an sich ist flexibel: er funktioniert sowohl auf der Skipiste als auch im heißen Sand, gerne auch im Büro oder im Flugzeug. Im Stehen, Liegen und ja, auch im Sitzen. Sicher, auch vor, während und nach dem Sex. Der Kopf ist nach rechts geneigt (so gut wie immer nach rechts, was wohl mit den Gehirnhälften zusammenhängt). Und dann einfach los. Durchschnittlich küsst jeder Mensch bis zu seinem 70. Lebensjahr 110.000 Minuten – etwa 76 Tage ohne Unterbrechung. Heiße Vorstellung gepaart mit simplen Fakten. Aber wie das eben mit den einfachen Dingen so ist – sie sind komplizierter als man denkt.

Ein einziger Kuss kann Millionen Glücksraketen entzünden. Er kann Sicherheiten über den Haufen werfen, Beziehungen infrage stellen. Dramatische Umstände wirken wie Brandbeschleuniger, und dann kann ein einziger Kuss zu schwierigsten und weitreichendsten Verwicklungen führen. Dazu kommen, wie immer, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. 97 Prozent der Frauen schließen beim Küssen die Augen; bei den Männern tut es, laut einschlägigen Studien, nur knapp jeder Dritte. Eine ziemlich krasse Diskrepanz in puncto Hingabe, die tief blicken lässt. Und so überrascht auch das Fazit der Sexualwissenschaftler nicht besonders. Männer, sagen die Experten, betrachten den Kuss immer noch vor allem als Vorspiel. Für Frauen kann er sehr wohl reiner Selbstzweck sein. Als innigste Verbindung mit einem anderen Menschen. Als Treueversprechen ohne Worte. Als Geborgenheitstransmitter. Beim Küssen wird das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet, welches für ein intensiveres Verbundenheitsgefühl sorgt. Gleichzeitig fördert das Küssen die Durchblutung und stärkt das Immunsystem, weil unser Körper, motiviert vom Austausch fremder Erreger auf Zunge und Lippen, verstärkt Abwehrkräfte produziert.

Deswegen küsst natürlich kein Mensch, da alles viel einfacher ist. Spielerischer, müheloser und eindrücklicher lassen sich Liebe und Lust nämlich nicht zeigen. Der Kuss kann daher alles auf einmal sein: Leicht, schwer, fröhlich, dramatisch sinnlich, geheimnisvoll, zerstörerisch. Wunderbar.

 

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