MODE AUS DEM OFF – AZZEDINE ALAÏA

© Groninger Museum/ NRW Forum

Im heutigen Blog geht es um einen Designer, der sich bewusst nicht feiern lässt – der gewöhnliche Modezirkus liegt ihm nämlich vollkommen fern. Umso näher ist er dabei allerdings seinen Kunden.

Impressionen am Tage der Ausstellungseröffnung am 7.Juni 2013: der Designer Azzedine Alaïa wirkt wie ein Zuschauer. Er schreitet von einem Exponat zum nächsten. Bei den Ausstellungsstücken handelt es sich hier, in den Räumen des Düsseldorfer NRW-Forums, um Kleider aus dem noch ziemlich jungen 21. Jahrhundert. Dass es seine eigenen sind, dass die Ausstellung seinen Namen trägt, das lässt sich Alaïa am Eröffnungsabend selbst zunächst nicht anmerken. Er prüft Plissees aus Strick mit jenem interessierten Blick, den auch die Besucher im Gesicht tragen, wenn sie hauchdünne Seidenroben oder Lederpailletten betrachten, die nicht wie aufgenäht wirken, sondern so, als seien sie aus ihrem Material wie natürlich gewachsen.

Ein paar Minuten lang droht Azzedine Alaïa in der Menschenmenge unterzugehen. Wäre da nicht seine besondere Erscheinung, die schon bald die Blicke der Besucher weg von den Kleidern zieht. Da ist zum einen seine Körpergröße von lediglich 1,58 Metern und zum anderen seine typische Uniform, ein hier leicht bizarr anmutender schwarzer Mandarin-Anzug, den der Designer zu schwarzen Turnschuhen mit dicken Luftkissen trägt. Hinter einer Robe mit Seidenträgern, die an skulpturale Säulen erinnern, steht Alaïa plötzlich ungewollt im Rampenlicht. Die Düsseldorfer heben ihre iPhones, und ehe sie die Kameras auf ihn richten können, ist er schon weg.

Azzedine Alaïa ist weder jemand, der für ein Handyfoto nett lächelt (was ihn für mich äusserst sympathisch macht), noch einer, der sich auf ein Podium stellt und anfängt zu sprechen. Die Pressekonferenz zur Ausstellung am Mittag vor der Eröffnung hat er geschwänzt. Nach seiner Ankunft in Düsseldorf erkundigte er sich beim Leiter des NRW-Forums, Werner Lippert, was man denn in der näheren Umgebung unternehmen könne. Lippert empfahl ihm das Museum Insel Hombroich. Dann, kurz bevor die Journalisten eintrafen und die Sonne draußen schien, ist er einfach abgehauen, nach Hombroich.

So gehört sich das für einen Designer, der sich bewusst vom getakteten System der Mode fernhält und wenig davon hält, sich mit originellen Zitaten hier und da selbst anzupreisen. Alaïa ist anders als andere Designer: An Läden, die er nicht mag, verkauft er erst gar nicht. Und Modenschauen organisiert er nicht, nur um damit dem Schauwert gerecht zu werden. Alaïa zeigt eine Kollektion erst dann, wenn er eine zu zeigen hat, und steckt seine Energie in der Zwischenzeit ausschließlich in sein Handwerk, Kleider zu entwerfen, die für sich sprechen.

Vor langer Zeit kleidete er einmal Greta Garbo, die Göttliche. In jüngerer Vergangenheit, genau im Jahr 2008, riskierte Michelle Obama, noch bevor sie First Lady wurde, einen Gürtel aus dem Hause Alaïa, obwohl sein Designer als gebürtiger Tunesier, der heute in Paris arbeitet, nicht zu der Riege amerikanischer Kollegen gehört, aus denen angehende Präsidentschaftsgattinnen für gewöhnlich zu wählen haben. Und Carine Roitfeld, ehemalige Chefredakteurin der französischen „Vogue“, stattete ihre schwangere Tochter vergangenes Jahr mit Alaïa-Einteilern aus; selbst im achten Monat sitzen seine Entwürfe perfekt. Auch nach fast 35 Jahren im Geschäft fertigt er die Musterteile selbst. Die Nähte setzt er dazu so, dass sie mit ihrem Anteil von Stretch im Stoff wie eine überraschend passende zweite Haut wirken.

Dafür legt Azzedine Alaïa nicht eine It-Bag nach der nächsten auf, mit denen viele andere Marken heute ihr Geld verdienen, denen es weniger um Mode geht, sondern vor allem um Accessoires und um die lukrativeren Kollektionen zwischen Herbst und Frühjahr, Pre-Fall und Resort. Der Markt fordert heute, dass ein Modehaus einerseits funktioniert wie ein Unternehmen für Backwaren, das am laufenden und immer schneller werdenden Band Unwiderstehlichkeiten produziert, die aber andererseits nicht im Einheitsbrei versinken sollen. Allerdings, je rascher das Band läuft, umso verführerischer wird es für Designer, sich vom System abzuwenden, indem sie wie Alaïa, der beinahe mehr Künstler ist, seine Regeln selbst setzt.

In Düsseldorf bekommt man als Museumsbesucher dieser Tage einen überraschend guten Einblick in die Arbeitsweisen und Gedankenwelten dieses Modemachers, der nicht nur kontrolliert, was er herstellt, sondern auch, wie er arbeitet, indem er sich bewusst vom gewöhnlichen Modezirkus fernhält.
Azzedine Alaïa, dessen Marke im Jahr rund 47 Millionen Euro umsetzt, ist indessen oft im eigenen Shop anzutreffen, auch das ist eher ungewöhnlich für einen Designer dieser Größenordnung. Im Jahr 2007 ließ er sich von dem Luxuskonzern Richemont aufkaufen, ganz eigensinnig kann er seitdem also nicht mehr arbeiten. Noch in diesem Jahr soll ein neuer Alaïa-Shop in Paris eröffnen, der das Gegenteil von der alten schaufensterlosen Boutique werden könnte – er ist viergeschossig. Ab 2015 gibt es dann Damendüfte, Duschgel und Körpercreme von Alaïa. „Wachstum“ ist hier das Stichwort. Ob es unbedingt Kompromisse bedeuten muss, sei dahingestellt. Schließlich ist die Mode ein janusköpfiges Wesen mit einem kommerziellen und einem künstlerischen Gesicht. Auf der anderen Seite lässt sich der Designer vom Trubel eben nicht zu leicht aus der Ruhe bringen. Laut Wikipedia hatte Azzedine Alaïa am 7. Juni Geburtstag – dem Tag der Ausstellungseröffnung in Düsseldorf. Nein, nein, das Datum stimme angeblich nicht. Obwohl, wer weiß? Vielleicht sagt er das nur, um in Ruhe gelassen zu werden. Schließlich möchte er sich nicht feiern lassen ;-).

Das Feiern von Geburtstagen ist m.E. ohnehin eine Erfindung von Menschen, die, wenn sie die übrigen 364 Tage nicht im Rampenlicht stehen, wenigstens an einem Tag ein Star sein müssen.

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